13.04.2023

Pflegende stärken

Ein alter Mann sitzt lächelnd in einem Rollstuhl in einem Garten. Rechts neben ihm kniet eine Frau mittleren Alters. Links steht eine jüngere Frau, die den Arm des Mannes hält.

Es begann in der Corona-Pandemiezeit. Meine 88-jährige Tante lebt allein in Ihrer Wohnung, ganz in meiner Nähe. Sie brauchte als alte gefährdete Person zuerst Unterstützung beim Einkauf und den Kontakt zu ihren Ärzt*innen. Dann kam die Unterstützung im Haushalt dazu. Aufgrund ihrer Sehschwäche übernahm ich noch den bürokratischen Bereich. Vor ein paar Wochen ist sie gestürzt und hatte sich diverse Prellungen zugezogen. Nach kurzem Krankenhausaufenthalt wollte sie wieder nach Hause in ihre vertraute Umgebung. Da sie nicht mehr allein in die Badewanne kommt, helfe ich ihr beim Baden und versorge sie regelmäßig mit gesundem Essen, damit sie sich schnell wieder erholt. Neben meiner Lohnarbeit schaue ich regelmäßig nach ihr und betreue sie meist noch an den Wochenenden. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Sie ist meine einzig verbliebene Verwandte und ich liebe sie sehr.

Doch allmählich wird mir alles zu viel. Ich schlafe schlecht und leide unter Kopfschmerzen. Habe kaum noch ein Privatleben, gehe nicht mehr zum Sport oder treffe meine Freund*innen. Ich habe das Gefühl, die Versorgung meiner Tante wächst mir über den Kopf, da immer mehr Aufgaben hinzukommen. Wo finde ich Unterstützung für meine Situation als pflegende Angehörige? Wie kann mir geholfen werden?

Pflege von An- und Zugehörigen

Die Betreuung eines pflegebedürftigen Menschen in seinem Zuhause ist keine leichte Aufgabe. Oftmals werden die körperlichen und seelischen Anforderungen unterschätzt. Die anfänglich unregelmäßigen Hilfen weiten sich in regelmäßige anstrengende Versorgungsstrukturen aus, je weiter die Pflegebedürftigkeit der verwandten oder bekannten Person zunimmt. Das eigene Leben kommt zu kurz. Nicht selten treten innere und/oder äußere Konflikte auf, denen Pflegende unsicher gegen­überstehen. Werden erste Anzeichen nicht früh genug bemerkt, so kann aus einer ersten Überlastung eine andauernde Überforderung und chronische Erschöpfung entstehen.

Warnsignale beachten

Warnsignale einer Überforderung zeigen sich meist zuerst auf der körperlichen Ebene beispielsweise mit Schlafstörungen, Rückenschmerzen, Ohrensausen, Appetitlosigkeit, Herzrasen oder auch häufigen Erkältungen und ständigen Kopfschmerzen. Neben den körperlichen Beschwerden steigt bei ständiger Überforderung die seelische Belastung. Die Anzeichen dafür können sich in innerer Unruhe, Ungeduld, Gereiztheit, Wut und Ärger ausdrücken. Auch Schuldgefühle, Scham oder Niedergeschlagenheit bis hin zu Zuständen innerer Leere müssen sehr ernst genommen werden. Pflegenden selbst fällt es oft schwer die seelische Überforderung wahrzunehmen. Denn der Tagesablauf ist durch die Anforderung in der Versorgung der pflegebedürftigen Person und dem privaten Alltag bestimmt.

Das eigene Ich stärken

Eine ständige Beanspruchung ohne eigene Erholung kann auf Dauer seelisch krank machen. Von daher ist es notwendig beizeiten eine Balance zwischen den eigenen Wünschen und denen der pflegebedürftigen Person zu finden. Denn erschöpfte und gestresste Pflegende können keine optimale Betreuung leisten. Gerade in stärkeren Belastungszeiten oder bei gesundheitsbedingten Anzeichen ist es wichtig, sich immer wieder zu fragen: Wie geht es mir mit der Situation? Wie kann ich wieder neue Energie auftanken? Sprechen Sie mit Angehörigen oder Bekannten über Ihre Situation und holen sich professionelle Hilfe beispielsweise mithilfe digitaler psychologischer Beratung von pflegen-und-leben.de, die Ihnen als pflegende An- oder Zugehörige Unterstützung in Ihrem Alltag für die Stärkung Ihres Ichs, das Auftanken von Energie, Kraft und emotionaler Balance geben kann. Schaffen Sie sich eine gute Basis für Ihre Selbstfürsorge.

Entlastung finden

Um den Pflegealltag besser für sich zu gestalten, gibt es ver­schiedene Unterstützungsleistungen und Entspannungsmöglichleiten. Oftmals hilft eine Mischung verschiedener Angebote. Im folgenden einige Vorschläge:

  • Planen Sie kleine Auszeiten in den Tagesablauf. Machen Sie Termine mit sich selbst aus.
  • Verteilen Sie die Versorgung der pflegebedürftigen Person auf mehrere „Schultern“. Binden Sie weitere Angehörige oder ehrenamtliche Helfer*innen mit ein.
  • Nutzen Sie entlastende Leistungen der Pflegeversicherung, wie individuelle Pflegeberatung, Pflegekurs, Entlastungsleistungen, Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege, Tagespflege, ambulante Pflege, Umbauten in der Häuslichkeit und Hilfsmittel.
  • Berufstätige Personen können Pflegezeit- oder Familienpflegezeit wahrnehmen.
  • Beantragen Sie eine Rehabilitation für sich als pflegende Angehörige, möglich auch mit der pflegebedürftigen Person zusammen.
  • Tauschen Sie sich in Selbsthilfegruppen für pflegende An- und Zugehörige aus. Mit der App in.kontakt können Sie sich auch digital treffen.

Ich habe mich mit einem Arbeitskollegen über meine belastende Pflegesituation ausgetauscht. Er hat mich an die psychologische Beratungsstelle pflegen-und-leben.de verwiesen. Mithilfe einer Psychologin wurde gemeinsam nach Lösungen gesucht, wie die seelische Belastung und damit der psychische Stress in der Pflegesituation reduziert werden kann. Meine Tante bekommt jetzt ein tägliches Mittagsmenue geliefert und ist einmal die Woche in einer Tagesstätte. Ein ambulanter Pflegedienst übernimmt die Haushaltsreinigung und das wöchentliche Baden. Auch wenn es für uns beide eine Umstellung war, ich gehe wieder zum Sport und meine Tante hat mehr Kontakt zu anderen Menschen. Das freut sie.

Weitere Fragen?

Wir bieten Ihnen zum Thema „Meine Batterien sind leer! Wie kann ich neue Energie auftanken?“ einen Expert*innen-Chat an. Gemeinsam mit anderen können Sie sich mit unserer Expertin Frau Dr. Jana Toppe am 26. April 2023, in der Zeit von 17:00 bis 18:00 Uhr austauschen.