Ganztag – neuer Rechtsanspruch als Chance
Der neue Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung für Grundschulkinder ist am 1. August in Kraft getreten. In Baden-Württemberg wird das neue Gesetz als Chance für positive Veränderungen wahrgenommen. Doch die praktische Umsetzung bringt auch Hürden mit sich – diese werden zum Ende der Sommerferien besonders spürbar.
Der AWO Bundesverband setzt sich aktiv für die Verbesserung der strukturellen Bedingungen einer ganztägigen Bildung und Betreuung von Grundschulkindern ein. Im Gespräch berichtet Laura Streitbürger von der Stabstelle Koordination Sozialpolitik der AWO Württemberg über ihre Erfahrungen vor Ort. Für sie stehen dabei vor allem Kinderrechte und Kinderschutz im Vordergrund.
Wie bewerten Sie den neuen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung grundsätzlich und welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie darin?
Streitbürger: Grundsätzlich finde ich das hervorragend, das ist lange überfällig. Deutschland ist da im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern einfach traditionell in diesem Halbtagssystem gewachsen und das ist, finde ich, nicht mehr zeitgemäß. Als AWO sind wir ja schon lange engagiert, immer in diesem Themenfeld Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu stärken und da kann der Ganztag auf jeden Fall eine gute Rolle spielen, sofern es nicht stehen bleibt. Denn das ist für mich die große Chance, wenn es uns gelingt, den Ort Schule zu einem Lebensraum zu transformieren, in dem Kinderrechte zum Beispiel gelebt werden. Die Herausforderung ist da naheliegend. Wir gehen hier auf ein strukturiertes Miteinander von Jugendhilfe und Schule. Das sind zwei in sich sehr große, nicht immer sehr bewegliche Systeme. Die gut miteinander in Einklang zu bringen, das wird uns nicht nur die nächsten vier Jahre begleiten, sondern noch darüber hinaus.
Wie gut sind die Schulen und Träger derzeit auf die Umsetzung des Rechtsanspruchs vorbereitet?
Streitbürger: Unterschiedlich. Also wenn ich jetzt hier auf Baden-Württemberg schaue, dann gibt es natürlich gerade die städtischen Ballungsräume, die sich schon seit Jahren im Ganztag bewegen. Da ist einfach vielfach die Situation mit Doppelverdienern gegeben. Da war der Elternwille schon vor Jahren gegeben, auch ohne diesen Rechtsanspruch. In den ländlichen Bereichen sieht es tatsächlich ein bisschen anders aus. Da gab es zwar auch immer schon hier bei uns im Süden die sogenannte Kernzeitbetreuung oder auch die verlässliche Betreuung. Klassischerweise wurden damit diese Zeitfenster, wenn der Bus schon gekommen ist, bis die Schule losgeht oder halt bis er dann nachmittags irgendwann wieder wegfährt. Da habe ich den Eindruck, an Orten, wo sich die Menschen kennen, da läuft es gut. Da, wo auch die Akteure, insbesondere die Schulleitung, aber auch die Partner aus dem Sozialraum, von dieser Leitidee des Ganztags überzeugt sind, werden auch Lösungen gefunden. Aber wir sind leider noch nicht an einem institutionalisierten Miteinander. Da wo es keine Jugendhilfeplanung gibt, da sind die Wege weit und man kennt sich nicht unbedingt persönlich. Da ist dann doch noch Luft nach oben.
Welche Hürden erleben Sie da persönlich aktuell bei der Vorbereitung auf die Umsetzung?
Streitbürger: Ich glaube, das größte Problem ist tatsächlich, dass das Wissen nicht gleich verteilt ist. Und wir haben hier in Baden-Württemberg seit drei Jahren den sogenannten Runden Tisch Ganztag. Der ist initiiert worden auf Druck sowohl der Kommunen als auch der freien Träger. Und bei uns haben wir die Besonderheit, dass der Rechtsanspruch eben im Schulgesetz verankert worden ist. Deswegen hat das Kultusministerium die Federführung hier bei uns. Das war unheimlich spannend für uns als Freie Wohlfahrt, auch zu sehen, wen die da eigentlich an den Tisch holen. Das waren zum Teil auch Partner, mit denen wir jetzt als Wohlfahrtsverbände gar nicht so viel zu tun haben. Das war gut, um sich mal gegenseitig kennenzulernen. Nichtsdestotrotz haben wir so viele verschiedene Finanzierungsströme im Hintergrund und viele verschiedene Angebotsformen der Ganztagsförderung. Da gibt es jetzt gewachsene Wege, wo Wissen gefunden wird. Aber es sollte unser aller gemeinsamer Anspruch sein, dass ein Kind, egal in welchem Angebot es ist, in Zukunft nicht merken sollte, dass es hinter den Kulissen einen Unterschied gibt. Und da ist wirklich ganz zentral, dass wir uns hier nochmal ein bisschen besser aufstellen müssen, dass wir uns gegenseitig das Wissen zugänglich machen.
In welchen Bereichen sehen Sie den größten Handlungsbedarf, damit der Rechtsanspruch auch in der Praxis erfolgreich umgesetzt werden kann?
Streitbürger: Wir brauchen Koordinationsstellen. Und zwar auf verschiedenen Ebenen. Das ist ganz interessant, denn diese Vokabel „Koordinationsstelle“ ist hier bei uns und bei den Partnern im Land nämlich ganz unterschiedlich besetzt. Bis ich das verstanden habe, gingen fast zwei Jahre ins Land. Weil für mich sonnenklar war, ich rede von der Koordinationsstelle, die ich in der Schule haben will. Weil ich in der Schule einen Ort brauche, eine Person brauche, die quasi die Player der multiprofessionellen Teams, die ja häufig von außen an die Schule kommen, genauso gut kennt wie das Lehrerkollegium. Und dass auch eine Übergabe zu Besonderheiten der Kinder im Tagesverlauf gut durchgeführt werden kann. Da habe ich am Runden Tisch Ganztag irgendwann festgestellt, die kommunale Familie denkt auch über Koordinationsstellen nach, die hätten aber gerne welche auf der Steuerungsebene. Wir haben hier jetzt die neue Situation, dass Jugendhilfeplanung und Schulentwicklung zusammengedacht werden müssen. Das müssen wir strukturell abbilden. Also auch die haben den Wunsch nach Koordinierungsstellen, aber an einem anderen Ort. Ich finde, es braucht beides, weil die teilweise ineinandergreifen. Nach meiner Vorstellung könnten diese Koordinierungsstellen von Schulen dann auch in Verbünden Wissen miteinander teilen und haben dann eine Vernetzung in diese Struktur der Koordinierungsstellen der Steuerungsebene. Die sollten wiederum einen Fuß in der Tür am Runden Tisch Ganztag haben. So könnte man diese Informationen wunderbar auch vertikal spielen. Da sind wir aber noch nicht. Ich denke da immer ganz neidisch an die Bundesländer, in denen es die Serviceagenturen für ganztägiges Lernen gibt. Da gibt es häufig solche Strukturen. Da müssten wir in Baden-Württemberg schauen, wie wir rund um unser ZSL, was am Kultusministerium dranhängt, da vielleicht was dranbauen, erweitern, damit es da besser funktioniert. Mir fallen da noch einige Stellen ein, bei denen wir Luft nach oben haben.
Welche Rolle spielt das Thema Fachkräftemangel bei der Umsetzung des Rechtsanspruchs und welche Lösungsansätze wären für Sie realistisch?
Streitbürger: Also ich kenne die Diskussion und wir sind innerhalb der Liga auf dem Standpunkt, dass wir sagen, es wird nicht ohne gemischte Teams funktionieren. Wir hätten aber gerne den Schlüssel mit einer Fachkraft und zwei Nicht-Fachkräften. Auch wenn nur noch ein Kind da ist, muss immer noch eine Fachkraft da sein. Man darf Nicht-Fachkräfte einfach gerade in Randzeiten nicht sich selbst überlassen, weil gerade, wenn da was schief geht, dann fliegt es uns allen um die Ohren. Kinderschutz ist da eine ganz zentrale Komponente. Wir haben hier gerade in Baden-Württemberg natürlich unfassbar viele Menschen, die sich aus dem Ehrenamt heraus aus verschiedensten Settings, über Sport, über Musik, sich im Ganztag einbringen wollen, was toll ist. Aber die haben einfach manche Dinge nicht gelernt, die die Profis können. Und auch für unsere Profis ist es natürlich wichtig, wenn sie schon mit den Nicht-Fachkräften arbeiten, dass sie dann auch Anleitungszeiten bekommen. Denn je nachdem, wie lange die dann schon gutwillig unterwegs sind, sind die mal mehr und mal weniger beratungsresistent, wenn dann der gut gemeinte Hinweis kommt, macht das doch vielleicht anders. Deswegen glaube ich, es braucht nicht mehr ausschließlich Fachkräfte wie im Kita-Setting. Also da stehe ich auch dazu. Ich glaube, dass auch im Ganztag ein Schreinermeister eine ganz tolle Rolle spielen könnte, sofern der weiß, mit wem rede ich, wenn das hier pädagogisch gerade knifflig wird. Ansonsten haben wir mit der Arbeitsagentur hier auch einen ganz guten Austausch, weil da natürlich gesehen wird, es könnte ein Arbeitsfeld sein, in dem sozialversicherungspflichtige Menschen stärker in den Beruf gehen können als bisher. Man redet ja immer von dieser stillen Reserve der Frauen oder überhaupt Frauen, die erstmal in Teilzeit geführt werden müssen, damit sie dann später nochmal mehr arbeiten. Und auch da braucht es einen ausgewogenen Mix. Es hilft überhaupt nichts, wenn eine ungelernte Person sagt, ich werde jetzt hier die sozialpädagogische Assistenz und dann gibt es aber am Einsatzort keinen Profi, der sie anleitet. Das funktioniert nicht.
Wie erleben Sie die Zusammenarbeit zwischen Schulen, Trägern, Kommunen und anderen Akteuren im Hinblick auf den Ausbau des Ganztagsangebots?
Streitbürger: Es ist kompliziert. Also es gibt einzelne Standorte, die haben sich die letzten Jahre zurecht gerüttelt. Schon auch über diese Fachkräftedebatte an Kitas. Und da, wo sich eben Akteure kennen, da werden auch Lösungen gefunden. Aber wir sind halt leider noch nicht an dem Punkt, dass wir eine strukturelle Antwort darauf hätten. Damit sind wir tatsächlich auch innerhalb der Liga beschäftigt, dass wir in Zeiten, in denen überall die Kassenlage schwieriger wird, wir überlegen müssen, wie können wir eigentlich unsere Durchlässigkeit innerhalb der Fachkraftentwicklung besser herstellen. Da gibt es erste Überlegungen, wie wir uns da selber zukunftsfester aufstellen können. Denn wenn wir jetzt an die Arbeitnehmer*innen denken: die kommen als Berufseinsteiger*innen ins Feld, haben vielleicht total Lust auf Jugendarbeit und Jugendtreff und sind am Wochenende und abends Vollgas im Feld. Und dann gehen sie irgendwann in die Familienphase und dann wäre das mit der Schulsozialarbeit und den ganzen Ferien schon auch echt attraktiv. Und dann haben wir aber häufig die Situation, dass da einfach die falsche Qualifikation da ist. Das wird dann sehr, sehr mühselig gestaltet, da Anschluss zu finden. Da müssen wir einfach besser werden. Es könnte ja auch sein, dass ein Sozialpädagoge, der lange im Stationären geschafft hat, sagt, nein, jetzt will ich lieber im ambulanten Bereich arbeiten. Also auch da sind die Grenzen noch nicht so fließend, wie sie, sein müssten für die Zukunft.
Wenn der Rechtsanspruch jetzt so umgesetzt wird, was denken Sie, sind dann die Auswirkungen auf die Qualität der pädagogischen Arbeit?
Streitbürger: Es wäre sehr schön, wenn wir schon jetzt über die Qualität der pädagogischen Arbeit sprechen würden. Momentan spreche ich mit vielen Vertreter*innen über die finanziellen Rahmenbedingungen, über die Anzahl der Plätze, über das Betongold, über die Räume, manchmal vielleicht sogar noch über das warme Mittagessen. Da habe ich noch nicht einen einzigen Satz über Qualität verloren. Das ist genau der Punkt, der mich stört. Denn für Eltern – die werden in diesem ganzen Flickwerk manchmal übersehen – zeigt sich ja, ob dieser Rechtsanspruch gut gemacht wird. Hat mein Kind einen ausbalancierten Tagesverlauf? Kann es sich auch mal irgendwo ausruhen? Darf es mitbestimmen bei der Gestaltung der AG-Angebote? Hat es die Möglichkeit, einfach auch nur mal mit Freund*innen zu spielen oder muss es ständig mitmachen und eingetaktet werden? Oder auch, reichen eigentlich jetzt meine 30 Tage Urlaub? Wie ist das jetzt genau mit den Ferien? Das sind die Parameter der Praxis, wo mit den Füßen abgestimmt werden wird. Und ich hoffe inständig, dass das jetzt während des ersten Jahres in der Praxis erkannt wird. Wir auf der Meta-Ebene, in der Sozialpolitik, wir treiben das Thema schon eine ganze Weile, aber nur mit wenig Echo. Wir sind bereit, gemeinsam an einer Lösung zu bauen. Ich habe selbst Kinder, die hier in Stuttgart durch den Ganztag gegangen sind und Stuttgart ist hier nie repräsentativ, das muss man wissen, denn wir hatten hier sehr lange einfach extrem solide Gewerbesteuereinnahmen. Das ändert sich jetzt auch gerade dramatisch, aber meine Kinder sind da, wie gesagt, noch durch das Tal der Glücklichen im Ganztag unterwegs gewesen. Da habe ich das erste Mal verstanden, dass wir eben von dem Ziel von Artikel 1 Grundgesetz Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse einfach himmelweit entfernt sind. Es liegt wirklich am Wohl und Wehe des Kämmerers, ob da Qualität passiert oder nicht. Das schlägt natürlich wieder auf die Fachkräfte zurück. Denn welche Fachkraft ist bereit, an einem Ort zu arbeiten, an dem die Rahmenbedingungen einfach Murks sind? Das geht auf die Gesundheit, das geht auf die Psyche, die können die Kids nicht so begleiten, wie sie es eigentlich wollen. Und selbst die, die da idealistisch drin sind in dem Feld, müssen dann irgendwann sagen, nein, so geht es nicht. Das wäre das Schlimmste, was uns passieren könnte, weil das eigentlich bildungspolitisch jetzt ein Quantensprung ist.
Welche Erfahrungen aus der Praxis könnten dazu beitragen, dass die Umsetzung des Rechtsanspruchs erfolgreich sein kann?
Streitbürger: Also wenn ich bei uns an den Landkreis Schwäbisch Hall denke, da haben wir eine unfassbar fitte Bereichsleitung, die bei Vertragsanbahnungsgesprächen zwischen Geschäftsführung und Bürgermeister gleich mit am Tisch sitzt und sich dann anhört, was die Kommune gerne hätte. Nach dem, was sie da erzählt haben, war ihnen vielleicht nicht bewusst, dass das schon klug wäre, wenn wir das mitdenken würden. Das heißt, es werden eigentlich passgenaue Lösungen vor Ort gebaut. Dann wird immer geschaut, wie ist denn der Spielraum? Und dann wird geschaut, was ist möglich, ohne die eigenen roten Linien überschreiten zu müssen. Die machen das super, weil sie einfach aufsuchend arbeiten, die Beziehungsebene schon auf der Steuerungsebene suchen. Und das funktioniert. Es ist ressourcenintensiv in der Begleitung, aber es ist stabil und nachhaltig. Denn auch das ist uns ganz wichtig, dass wir als freie Träger eben an Qualität festhalten und uns nicht unter Wert verkaufen. Damit ist am Ende weder den Kindern noch den Eltern noch den Kommunen geholfen.
Wie stellen Sie sich einen qualitativ hochwertigen Ganztag in fünf Jahren vor? Was müsste bis dahin geschehen, damit dieses Ziel erreicht werden kann?
Streitbürger: Also zum einen ist es tatsächlich für jedes Kind egal, ob das ein Hort, ein Hort an der Schule, eine kommunale Betreuung oder eine Ganztagsschule ist. Innen drin passiert mit dem gleichen Personalmix das Gleiche an inhaltlicher Qualität. Alle Kids haben die Möglichkeit, die Schulferien außerhalb des Schulgebäudes zu verbringen. Das ist mir persönlich ganz wichtig, dass die Sozialraumpartner*innen mitgedacht werden, dass die Orte aus der Jugendarbeit mitbespielt werden und Schule wirklich als Community Hub verstehen. Vielleicht haben wir sogar noch eine Chance, dass in fünf Jahren an jeder dieser Ganztagsschulen Familienbildung stattfindet, um das Scharnier an der Stelle auch noch mitzudenken. In fünf Jahren weiß jede Schule, welches Ziel sie überhaupt mit dem Ganztag verfolgen will. Denn mir fallen allein drei ein, die mit Ganztag erreicht werden könnten, je nach Standortspezifika. Ich kann Standorte haben, da ist es wichtig, die basalen Kompetenzen wie Mathe, Deutsch und Englisch zu stärken. Es kann aber auch sein, dass ich einen Standort habe, bei dem ich das soziale Lernen in den Fokus rücken möchte. Wenn ich dann in der Kür auch noch Kinderrechte und Partizipation erreichen möchte mit dem Ganztag, dann brauche ich für all diese drei Dinge einen ganz anderen Instrumentenkoffer. Diese müssen bis dahin bekannt sein, entwickelt, evaluiert und in der Praxis auch am Laufen sein. Es hilft nichts, wenn die Konzepte geschrieben werden in der Forschung und nicht mit Leben gefüllt werden. Das heißt, wir haben in fünf Jahren auch erreicht, dass diese Forschungs-Thinktanks, völlig egal, ob das jetzt beim DIPF angesiedelt ist oder beim DJI, dass die es schaffen, in der Fläche anzukommen. Dass die diese Praxispolitik-Transferformate machen. Dass sie es schaffen, für die Zielgruppe der Familien das so zu übersetzen, dass sie sagen, toll, was Besseres kann doch meinem Kind nicht passieren. Ich glaube dann haben wir in fünf Jahren schon eine ganze Menge erreicht. Und wenn dann auch noch alle Kolleg*innen interkulturell sensibel, armutssensibel geschult agieren, dann wechsle ich nochmal meinen Job (lacht).