Demokratiekompetenz für alle
Nach acht erfolgreichen Jahren inklusiver demokratischer Bildung droht dem Bundesprogramm „Respekt Coaches“ zum Jahresende das Aus. Was die Jugend- und Bildungspolitik aus dem Programm lernen kann und warum die ersatzlose Streichung ein Schaden für alle wäre.
Junge Menschen erleben die Schule nur selten als Ort demokratischer Bildung und gelebter Partizipation, wie die SINUS-Jugendstudie 2024 zeigt. Der Befund verweist auf einen Bedarf: Schulen brauchen eine systematisch verankerte demokratische Bildung. Besonders gut gelingt das nachweislich in der Zusammenarbeit von Schulen, politischer Bildung und Sozialer Arbeit. Dabei ergänzen sich politische Bildung und Soziale Arbeit: Die politische Bildung stärkt das selbstständige kritische Denken und vermittelt Kenntnisse über demokratische Aushandlungsprozesse. Soziale Arbeit eröffnet niedrigschwellige Zugänge, sie ermöglicht lebensweltnahe Bildungsprozesse und unterstützt diejenigen jungen Menschen, die Zugangsbarrieren überwinden müssen. Auf der Grundlage verlässlicher Beziehungen schafft sie Räume des Vertrauens. So können politische Bildung und Soziale Arbeit gemeinsam ein Fundament zur Stärkung von Demokratie und Teilhabe schaffen.
Demokratiebildung – Zugang entscheidet
Zu diesem Schluss ist im Jahr 2024 auch der 17. Kinder- und Jugendbericht im Auftrag der Bundesregierung gekommen. Neben tragfähigen Beziehungen ist dem Bericht zufolge die Zugänglichkeit politischer Bildungsangebote ein entscheidender Faktor gelingender Demokratiebildung. Dies gilt vor allem für sozioökonomisch benachteiligte junge Menschen. Bildungsbenachteiligung zeigt sich gerade darin, dass benachteiligte Gruppen nur eingeschränkten Zugang zu den Angeboten haben. Damit gehen ungleiche Chancen einher, politische Interessen zu erkennen, zu artikulieren und wirksam einzubringen.
Respekt Coaches – passgenaue Angebote an rund 150 Standorten
Um die Reichweite demokratischer Bildung zu erhöhen, setzen die Träger der Jugendmigrationsdienste seit 2018 bundesweit das Programm „Respekt Coaches“ an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen um. An rund 150 Standorten der Jugendmigrationsdienste arbeiten etwa 220 sozialpädagogische Fachkräfte an Kooperationsschulen im Bereich der non-formalen Bildung. Die Fachkräfte arbeiten mit Trägern der politischen Bildung zusammen und fungieren als Bindeglied zwischen Schule, politischer Bildungsarbeit und den Schüler*innen. Weil sie außerhalb des schulischen Bewertungssystems mit seinem Leistungsdruck arbeiten, können sie besonders vertrauensvolle Beziehungen zu den jungen Menschen aufbauen, so dass sich die Schüler*innen öffnen und über ihre Sorgen und Ängste sprechen. Die Fachkräfte orientieren sich am spezifischen Bedarf der Schule und der jeweiligen Schulklasse. So können sie passgenaue Angebote für alle Schüler*innen entwickeln, unabhängig von sozialer Herkunft, Geschlecht, Behinderung, Religion, Weltanschauung oder natio-ethno-kultureller Zugehörigkeit. Dabei findet die Bedarfserhebung fortlaufend statt, so dass die Bildungsarbeit neue Entwicklungen, etwa in den Sozialen Medien, schnell aufgreifen kann.
Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe
Das Programm verfolgt einen inklusiven Ansatz, der sich an alle jungen Menschen richtet – unabhängig von ihrem Bildungsweg, ihrer sozialen Herkunft oder ihren individuellen Voraussetzungen. Durch die Nähe zur Lebenswelt der jungen Menschen in der Institution Schule erreicht das Programm auch Jugendliche, die sonst nur selten an non-formalen Bildungsangeboten teilnehmen. Von der fünften Klasse an wird das Programm an allgemein- bis berufsbildenden Schulen umgesetzt – sowohl in Ballungsräumen als auch in ländlichen Regionen.
Bislang erreichte die Arbeit im Programm über 740.000 junge Menschen in 18.000 sozialpädagogischen Gruppenangeboten an rund 1.000 Schulen – darunter Hauptschulen, Förderschulen, Gesamtschulen, Gymnasien und Berufsschulen.
Die Bandbreite der Angebote umfasst zentrale gesellschaftspolitische Themen, etwa zur Medienkompetenz oder zum Umgang mit Unterschieden in der pluralen Gesellschaft. Die Gruppenangebote befähigen Jugendliche zur Reflexion und ermöglichen ihnen, Selbstwirksamkeit im aktiven Mitgestalten des Zusammenlebens zu erleben. Demokratische Werte und Prinzipien, die Fähigkeit, Ambiguitäten auszuhalten, eine konstruktive Streitkultur, ein Verständnis verschiedener Lebensrealitäten sowie die aktive Mitgestaltung der eigenen Lebenswelt werden gefördert. Das erlaubt es, auch komplexe Themen niedrigschwellig und zielgruppengerecht zu vermitteln. In der Summe vermittelt das Programm jungen Menschen Demokratiekompetenz auf eine Weise, die allen zugänglich ist.
Die bundesweiten Strukturen der Jugendmigrationsdienste ermöglichen es, im Austausch aller Beteiligten Inhalte und Methoden des Programms ständig weiterzuentwickeln. Regelmäßige Fortbildungen der Fachkräfte stellen sicher, dass sich die Arbeit an einheitlichen Qualitätsstandards orientiert. Die pädagogischen Methoden werden kontinuierlich evaluiert und weiterentwickelt. Auf dem Feld der demokratischen Bildung leistete das Programm damit in den vergangenen acht Jahren einen der wichtigsten Beiträge zu Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe.
Erfolgsmodell vor dem Aus
Der AWO Bundesverband bedauert es deshalb, dass das Bundesfamilienministerium das Programm zum Ende des Jahres 2026 einstellen will. Damit droht das Ende einer Erfolgsgeschichte in einer Zeit, in der Demokratieskepsis auch unter Jugendlichen sichtbarer geworden ist. Verantwortliche Jugend- und Bildungspolitik muss sicherstellen, dass professionelle Netzwerke zwischen politischer Bildung, Sozialer Arbeit und Schulen erhalten werden und kompetente Fachkräfte weiterarbeiten können. Das Programm „Respekt Coaches“ hat über acht Jahr lang gezeigt, wie es gelingen kann, in der Zusammenarbeit von Fachkräften unterschiedlicher Arbeitsbereiche eine inklusive demokratische Bildung zu realisieren. Wem etwas am Zusammenhalt in diesem Land liegt, muss dafür sorgen, dass junge Menschen an möglichst vielen Schulen davon profitieren. Dafür braucht es ein Konzept. Die ersatzlose Streichung des Programms wäre ein Schaden für alle.
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Reden bringt Respekt – Erkenntnisse aus dem Bundesprogramm
Die Broschüre auf der JMD Respekt Coaches Website macht deutlich: Das Programm Respekt Coaches hat nicht nur einen klaren Mehrwert für Schüler*innen und stärkt den sozialen Zusammenhalt in Deutschlands Schulen. Die Fachkräfte im Programm entlasten zusätzlich das Lehrpersonal und die Schulsozialarbeit. Sie stärken regionale Netzwerke, schaffen Synergien und tragen dazu bei, externe politische Bildung nachhaltig in den Schulen zu verankern.
Kontakt
Katja Pietsch
Referentin „Respekt Coaches“ und „Mental Health Coaches“
Dr. Talibe Süzen
Referentin für interkulturelle Kinder- und Jugendhilfe, JMD Bundestutorin
Sinje Vogel
Referentin Respekt Coaches, stellvertretende Leiterin der Abteilung Migration und interkulturelle Öffnung