AWO-Zukunftskonferenz – Netzwerk Ganztag
In rund 100 Tagen startet eines der größten bildungspolitischen Vorhaben der letzten Jahrzehnte: Der Rechtsanspruch auf einen ganztägigen Bildungs- und Betreuungsplatz für Grundschulkinder tritt in Kraft. Vor diesem Hintergrund lud der AWO Bundesverband zur dreitägigen Zukunftskonferenz nach Berlin ein.
30 Fachkolleg*innen aus dem Ganztag kamen vom 15. bis 17. April 2026 zusammen, um sich auszutauschen, aktuelle Herausforderungen zu diskutieren, Erfahrungen zu teilen und Perspektiven zu entwickeln.
Vernetzung im Ganztag – eine gemeinsame Verantwortung
Die Zukunftskonferenz verfolgte zwei zentrale Ziele: Zum einen sollte die verbandliche Vernetzung der Kolleg*innen im Ganztag gestärkt werden, zum anderen stand die gemeinsame inhaltliche Arbeit an zentralen Stellschrauben des Arbeitsfelds im Fokus. Eine erste Standortbestimmung lieferte Matthias Ritter-Engel aus dem Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend (Ganztagsreferat). Er informierte über aktuelle Vorhaben, Themen und Termine – darunter den GaFöG-Bericht als Datengrundlage, die bald startende Förderlinie Nexus sowie den inzwischen vierten Ganztagskongress, der am 22. und 23. Juni dieses Jahres in Berlin unter dem Schwerpunkt Übergänge stattfinden wird. Es zeigte sich deutlich: Ganztag ist eine gemeinsame Verantwortung von Bund, Ländern und Kommunen. Jede Ebene bringt eigene Zuständigkeiten und Handlungsspielräume mit. Gleichzeitig braucht es einen kontinuierlichen Dialog, um Erwartungen und Bedarfe gemeinsam auszuhandeln.
Partizipation leben – gutes Miteinander gestalten
Am ersten Veranstaltungstag stellte Julia Klimczak, Buchautorin und Pädagogin, die Bedeutung von Partizipation im Ganztag in den Mittelpunkt. Im Fokus standen Fragen danach, wie Fachkräfte Kindern begegnen, wie Familien in ihrer Vielfalt einbezogen werden können – und die zentrale Erkenntnis, dass Partizipation vor allem eine Haltung ist. Diese Haltung betrifft alle Ebenen: von der Schulleitung bis hin zu jedem einzelnen Mitglied des multiprofessionellen Teams. In der anschließenden Plenumsdiskussion wurde deutlich, dass vielerorts strukturelle Grenzen bestehen. Häufig mangelt es im Alltag an Fachkräften, Zeit und geeigneten Räumen, um Partizipation so zu leben, wie es der pädagogischen Überzeugung entspricht (s. auch Projektbericht Ganztagsförderung für Grundschulkinder: Organisationsmodelle und Beschäftigungsbedingungen). Gleichzeitig herrschte Einigkeit darüber: Partizipation ist ein Grundpfeiler der Ganztagsarbeit. Sie beginnt bei kleinen, alltäglichen Entscheidungen und prägt das gemeinsame Miteinander nachhaltig.
„Wenn wir uns vernetzen, Erfahrungen teilen und offen miteinander diskutieren, entsteht die Energie, die Partizipation im Ganztag wirklich lebendig macht.“ (Julia Klimczak)
Gemeinsame Themen – geteilte Erfahrungen
Die Teilnehmenden diskutierten zahlreiche Themen miteinander, stellten gelungene Praxisbeispiele vor und setzten sich kritisch mit den bestehenden Rahmenbedingungen auseinander. Die beleuchteten Aspekte orientierten sich eng an den konkreten Fragen und Bedarfen der Kolleg*innen und umfassten unter anderem:
- den Einbezug von Familien im Ganztag
- Kinderschutz
- Kooperationen zwischen Jugendhilfe und Schule
- Fragen der Rhythmisierung
- Qualitätsmanagement (QM)
- Ferienbetreuung
Trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen in den Bundesländern entwickelten die Teilnehmenden gemeinsame Lösungsansätze und teilten erfolgreiche Beispiele für gelungene Angebote, Kooperationen und Verfahren.
Führung im Ganztag – Humor als Haltung
Für einen gelungenen Ausklang der Veranstaltung sorgte gemeinsames Lachen. In ihrem Kurzseminar zum Thema Humor als Haltung gab Konstanze Dutzi vom Verein Rote Nasen einen motivierenden Input, der den Blick darauf lenkte, wie hilfreich Humor gerade angesichts alltäglicher Hürden sein kann. Denn die aktuellen Rahmenbedingungen im sozialen Bereich – auch im Ganztag – bleiben herausfordernd: fehlende Qualitätsstandards, begrenzte finanzielle Ressourcen und Personalmangel prägen vielerorts den Arbeitsalltag. Gleichzeitig wird der Führungsrolle im Ganztag noch immer zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl sie ein entscheidender Faktor für die Qualität der Angebote ist. Das Kurzseminar eröffnete neue Perspektiven: Wie kann Humor als innere Haltung entwickelt werden? Wie gelingt es, auch in schwierigen Situationen gelassen zu bleiben? Und wie lässt sich diese Haltung nachhaltig in den Arbeitsalltag integrieren?
Ausblick – starke Impulse für den Ganztag
Die AWO-Zukunftskonferenz – Netzwerk Ganztag hat Mut gemacht und wertvolle Impulse aus der Praxis geliefert. Auch wenn die Rahmenbedingungen weiterhin verbesserungswürdig sind – und der AWO Bundesverband sich dafür weiterhin einsetzen wird – zeigen die engagierten Kolleg*innen vor Ort eindrücklich, wie wichtig ihre Arbeit ist. Denn ein guter Ganztag schafft kindorientierte, verlässliche Angebote, die das Wohlergehen von Kindern stärken und positive Bildungsbiografien ermöglichen.
Kontakt
Dr. Judith Adamczyk
Referentin für Bildung und Erziehung und Tageseinrichtungen für Kinder
Alexander Nöhring
Leiter der Abteilung Kinder, Jugend, Frauen, Familie