Mehr Teilhabe ermöglichen. Bezirksverband Ostwestfalen-Lippe: Seit 2022 nehmen Gastfamilien internationale Freiwillige im BFD und FSJ auf. Ebenfalls neu: das FSJ-Projekt "ThemSe"

Drei fröhliche Personen posieren lächelnd vor einem geschmückten Weihnachtsbaum in einem gemütlichen Raum.
© AWO Bezirksverband Ostwestfalen-Lippe e.V.

Foto: Valeria Molina Soto (rechts) leistet ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in der AWO-Kita Amshausen. In ihrer Gastfamilie wurde sie herzlich aufgenommen.

 

Gastfamilien gesucht und gefunden

Im Referat Freiwilligendienste FSJ/BFD gehen regelmäßig Bewerbungen für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) oder einen Bundesfreiwilligendienst (BFD) aus der ganzen Welt ein. In der Regel benötigen die Interessierten eine Wohnmöglichkeit, da die wenigsten Bewerber*innen Freunde oder Familie in der Region haben. Bislang konnte exklusiv Wohnraum für die Freiwilligen in der Wohngemeinschaft im Seniorenzentrum Wilhelm-Augusta-Stift angeboten werden. Diese vier Plätze sind jedoch jedes Jahr schnell vergeben.

VON DER IDEE ZUR UMSETZUNG

Die Idee, Freiwillige in Gastfamilien unterzubringen, bestand daher bereits seit Langem. Zum Jahrgang 2022/23 wurde schließlich aus der Idee Realität. Im Rahmen eines neuen Projekts suchte das Referat Freiwilligendienste Gastgeber*innen/ Gastfamilien, die internationale Freiwillige ab Sommer 2022 für sechs bis zwölf Monate bei sich zu Hause aufnehmen. Als Gastfamilie oder Gastgeber*in kamen und kommen alle Personen in Frage, die ein möbliertes Zimmer zur Verfügung stellen können – von alleinstehenden Personen, Renter*innen und „Silver Agern“ denen ihr Zuhause zu groß und/oder still geworden ist, über Familien mit Kindern oder ohne Kinder bis hin zu Wohngemeinschaften. Wichtig sind die Aufgeschlossenheit gegenüber jungen Menschen und Interesse an einer spannenden, bereichernden interkulturellen Erfahrung.

Im Vorfeld standen viele Fragezeichen im Raum:

  • Werden sich überhaupt Gastfamilien oder Gastgeber*innen melden?
  • Was braucht es, um eine möglichst gute Passung zwischen Gastgeber*innen und Freiwilligen zu gewährleisten?
  • Was ist, wenn es doch nicht passt?

Darüber hinaus waren Rahmenbedingen zu klären wie zum Beispiel Aufwandsentschädigungen, Versicherungen, die Begleitung zur Ausländerbehörde oder die Anmeldung bei einer Krankenkasse. Das hat gut funktioniert, da viele Akteur*innen durch die Koordinierung einer Mitarbeiterin aus dem Referat Freiwilligendienste zusammengearbeitet haben.

Senioreneinrichtungen und Kitas des Bezirks- und eines Kreisverbands haben FSJ- und BFDler*innen eingestellt und übernehmen in diesen Fällen die zusätzlichen Kosten. Die internationalen Freiwilligen leisten ihren Dienst in Vollzeit in einer Kita, im Seniorenzentrum und einer Tagespflege für Senior*innen. Die Gastgeber*innen unterstützen die soziale Integration, sind ein wenig Wahl-Familie und bieten ein Zuhause auf Zeit. Als zusätzlichen Bonus können sie als bürgerschaftlich Engagierte kostenlos an dem Fortbildungsprogramm der AWO-Freiwilligenakademie teilhaben. Das Referat Freiwilligendienste bietet zusätzlich zur Organisation eine kontinuierliche Begleitung der Gastfamilien an. Bei möglichen Problemen steht jederzeit ein*e Ansprechpartner*in unterstützend zur Seite. Geplant sind Angebote des Erfahrungsaustauschs und der Vernetzung.

Eine FSJlerin ist Valeria Molina Soto, die in einer Gastfamilie im Kreis Gütersloh wohnt und in der Kita Amshausen ihren Freiwilligendienst leistet. Valerias Familie hat sich sehr schnell gemeldet. Ihr war klar: „Wir wollen Gastfamilie werden, weil wir uns über die Gelegenheit des kulturellen Austauschs bei uns zu Hause freuen und dies als eine Bereicherung für unsere ganze Familie sehen.“ Valeria ist gut angekommen, das Leben in ihrer Gastfamilie gefällt ihr. Im Rahmen ihres Freiwilligen Sozialen Jahrs sammelt sie täglich neue Erfahrungen, ein Deutschkurs unterstützt sie dabei, sich sprachlich weiterzuentwickeln.

Das Projekt soll im Jahrgang 2023/24 weitergeführt werden. Das Team des Referats Freiwilligendienste freut sich auf weitere Incomer*innen, (neue) Gastfamilien und Gastgeber*innen.

 

Themse – Teilhabe mit Sprache

Im August 2022 startete das FSJ-Projekt „ThemSe – Teilhabe mit Sprache“ des Referats Freiwilligendienste. Das Projekt erweitert das FSJ um einen Deutschkurs und ein pädagogisches Unterstützungsangebot. Ziel ist es , die soziale und berufliche Integration von jungen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und Sprachbarrieren zu unterstützen. Inzwischen nehmen sieben junge Frauen am Projekt teil, engagieren sich in unterschiedlichen Einsatzstellen und lernen parallel zweimal wöchentlich im Online-Sprachkurs.

Viele junge Menschen engagieren sich in den Einrichtungen der AWO OWL im Rahmen eines Freiwilligendienstes. Hierbei unterstützen sie Kinder, Jugendliche, Senior*innen oder Kund*innen sowie Mitarbeiter*innen von Einrichtungen und erhalten einen guten Einblick in den Arbeitsalltag und die Anforderungen eines sozialen oder pflegerischen Berufsfeldes. Ein Freiwilligendienst ist somit nicht nur ein Bildungs- und Orientierungsjahr, sondern kann auch als Prüfstein für die Eignung im spezifischen Berufsfeld dienen. Junge Menschen mit Flucht- bzw. Zuwanderungsgeschichte sind in den Freiwilligendiensten nach wie vor unterrepräsentiert, dabei erschweren sprachliche Schwierigkeiten sowohl den Zugang zum FSJ als auch die erfolgreiche Absolvierung.

Sprache ist der Schlüssel zur zwischenmenschlichen Verständigung, zum Bildungserwerb und zur Weitergabe von Wissen. Deshalb ist der Aufbau und die Förderung von Sprachkompetenz und Kommunikationsfähigkeit eine wichtige Aufgabe, die wir in diesem Projekt mit einem spezifischem Sprachkursangebot für Freiwillige umsetzen wollen. Vielen jungen Menschen mit Flucht- bzw. Migrationsgeschichte ist das FSJ außerdem noch nicht bekannt oder sie bewerben sich nicht aufgrund ihrer Sprachbarrieren.

Das Projekt soll diese jungen Menschen ermutigen, sich für ein FSJ zu bewerben.

PROJEKTLEITUNG

Eine pädagogische Mitarbeiterin des Referats Freiwilligendienste hat die Projektleitung für ThemSe übernommen. Sie hat die jungen Freiwilligen bereits bei der Suche nach der passenden Praxisstelle, bei der Bewerbung und der Vorbereitung auf Vorstellungsgespräche unterstützt. Für die FSJler*innen ist es sehr wichtig, eine Ansprechperson zu haben, die auch über dienstliche Belange hinaus „ein offenes Ohr“ hat und ganzheitlich und bedürfnisorientiert berät. Während der gesamten FSJ-Zeit steht sie auch als Kontakt für die Einsatzstellen und für fachliche Anleitungen zur Verfügung und begleitet und moderiert bei Bedarf in schwierigen Kommunikationsprozessen.

Die Projektleitung arbeitet zusammen mit den Freiwilligen auch an einem erfolgreichen Übergang vom FSJ in den Arbeitsmarkt. Sie spürt individuelle Ressourcen der Freiwilligen auf und fördert Kompetenzen, sie zeigt konkrete Ausbildungs- und Anschlussperspektiven im Berufsleben auf und letztlich unterstützt sie auch, wenn es darum geht, den passenden Weg für die Anerkennung von Bildungsabschlüssen zu finden.

EINSATZSTELLE

In der Einsatzstelle wird die Begleitung durch eine fachliche Anleitung gewährleistet. Die Kolleg*innen erklären Aufgaben im Arbeitsalltag und stehen für Fragen der FSJler*innen als Ansprechpersonen zur Verfügung.  Hier sind alle Beteiligten ganz schön gefordert, und es ist großartig, mit wie viel Einsatzfreude die Kolleg*innen das FSJ gestalten.

SPRACHKURS

Der Sprachkurs stellt die Kommunikation in Alltagssituationen der Einsatzstelle in den Mittelpunkt, so dass das Gelernte tagtäglich im Alltag angewendet und eingeübt werden kann. In Zusammenarbeit mit dem Fachdienst für Migration und Integration konnte eine erfahrende Lehrkraft gewonnen werden, die durch einen flexiblen Methodeneinsatz und digitale Vermittlungskompetenz die FSJler*innen motiviert und Lernfreude verbreitet.

Der Deutschkurs hat neben dem gesteuerten Spracherwerb aber auch noch weitere Funktionen. Er ist ein Ort, an dem Beziehungen entstehen, soziale Netze geknüpft und relevante Informationen ausgetauscht werden können.

SEMINARE

Natürlich nehmen die Freiwilligen auch an den begleitenden Seminaren teil, lernen dort andere junge Menschen kennen, setzen sich mit gesellschaftspolitischen Themen auseinander, lernen zu arbeitsfeldbezogenen Inhalten und reflektieren ihre Erfahrungen.

PERSPEKTIVEN UND CHANCEN

Der Freiwilligendienst bietet auf mehrfachen Ebenen die Chance, die persönliche Entwicklung zu stärken und eine Berufsperspektive zu entwickeln. Das Freiwilligenjahr kann damit einen grundlegenden Beitrag zur Eingliederung in die Arbeitswelt und zur (sozialen) Integration sowie zur Teilhabe an der Gesellschaft leisten.

ThemSe unterstützt diese Grundidee gezielt für junge Menschen mit Sprachbarrieren und leistet somit einen wertvollen Beitrag zur Integration und gleichberechtigten Teilhabe an Bildung.

Gefördert wird das Projekt durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).