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Queer im Alter – wie vielfaltssensibel ist die Pflege?

Von: Lothar Andrée

 

Queer im Alter – wie vielfaltssensibel ist die Pflege?

Alt, queer und schon wieder diskriminiert?

Auf den ersten Blick scheint die Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans*, Inter* und queeren Menschen (kurz LSBTIQ*) im Jahr 2021 in Deutschland endlich Geschichte zu sein. Zeichen hierfür sind z.B. in jüngster Zeit die Einführung der „Ehe für Alle“ (2017) und das Verbot von Konversionstherapien bei Minderjährigen (2020). Ebenso werden queere Menschen zunehmend sichtbarer, in Politik, Kultur, Sport (teilweise) und erst recht im alltäglichen Leben. Andererseits steht eine Reform des sogenannten Transsexuellengesetzes weiter aus und allein im Jahr 2020 wurden laut Bundesinnenministerium 782 Straftaten von Hasskriminalität gegen LSBTIQ* registriert.

Von den schätzungsweise über eine Millionen queeren Personen über 60 Jahren fragen sich zudem nicht wenige, wie selbstbestimmt und frei ihr Leben noch sein wird, wenn sie auf Pflege und Unterstützung angewiesen sind. Beispielsweise ist bekannt, dass ein Outing in Pflegeheimen eher selten ist, vermutlich aus Furcht vor erneuter Diskriminierung. Vor diesem Hintergrund hat der AWO Bundesverband bereits 2019 das Modellprojekt „Queer im Alter“ zur Öffnung der Altenhilfeeinrichtungen für LSBTIQ* initiiert und Anfang 2021 erstmalig ein Praxishandbuch zu dem Thema veröffentlicht.

Ebenfalls aus dem Modellprojekt hervorgegangen ist die neue Koordinierungsstelle „Queer im Alter“ beim AWO Bundesverband. Sie bietet trägerübergreifend Beratung, regionale Informationsveranstaltungen und weitere Angebote für alle Altenhilfeeinrichtungen und deren Träger an. Dieses Angebot und weitere Maßnahmen zur Verstetigung vielfaltsensibler Angebote und Strukturen muss ausgebaut werden, damit das Leben in Pflegeeinrichtungen für LSBTIQ*-Senior*innen zu einer positiven Zukunftsperspektive wird, ohne die eingangs angesprochenen Ängste und Bedenken.

Was queere Menschen im Alter in Bezug auf Pflege und Begleitung erwarten bzw. befürchten, verdeutlicht ein Gespräch mit Nora Eckert. Sie wurde 1954 in Nürnberg geborenen, ist freie Autorin und spricht für den im Beirat des Modellprojekts vertretenen Bundesverband Trans* zum Thema Alter:

Warum braucht man ein Projekt Queer im Alter?

Ganz einfach, weil auch queere Menschen alt werden und zu den Problemen, die das Alter für alle Menschen mit sich bringen kann, eben auch noch ganz spezifische Probleme hinzukommen, die mit der Queerness zusammenhängen. Aber im Ernst, die LSBTIQ*-Community denken wir und denkt sich wohl selbst eher in jugendlichen Kontexten. Die Biologie lehrt uns jedoch, dass wir nur eine relativ kurze Zeit jung sind. Das wird gerne übersehen, aber Ignoranz ist nicht die Lösung. Im Gegenteil, sie ist Teil des Problems. Dringend nötig ist ein entsprechendes Bewusstsein in den Communitys, und ebenso nötig ist eine Sensibilisierung bei den Menschen, die in der Altenhilfe und -pflege unterwegs sind. Wir müssen ein Bewusstsein schaffen, dass ein Teil der Menschen mit ihren Biografien und Körpern nicht der Heteronorm entsprechen. Gerade im Alter kann das zur besonderen Herausforderung werden.

Was sind erste gute Erfahrungen damit? Oder: Welche Ansprüche haben Sie an Pflege und Begleitung im Alter?

Dass sich in den Einrichtungen etwas tut, ist nicht zu übersehen und ein "Praxishandbuch zur Öffnung der Altenhilfe-Einrichtungen für LSBTIQ*", das gerade erschienen ist, ist ja ein ebenso sichtbarer Beleg für die Notwendigkeit von Veränderungen mit klaren Richtungsvorgaben. Ich glaube in allen menschlichen Lebenssituation ist eines ganz wichtig, unabhängig davon, wie im einzelnen Einrichtungen und ihre Angebote ausgestattet sind, das ist Respekt. Mit Blick auf Trans* bedeutet das, wie schon erwähnt, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Geschlechtsidentität und Körper zweierlei sind. Aber es gehört noch vieles mehr zu einem sensiblen Umgang. Ich glaube, wir befinden uns da erst am Anfang, aber immerhin auf dem richtigen Weg. Das Ziel ist erst erreicht, wenn wir über die Diversität von Menschen nicht mehr reden müssen, weil sie Normalität in der Gesellschaft geworden ist.

Über unsere Interviewpartnerin

Nora Eckert lebt seit 1973 in Berlin und seit 1976 als Transfrau, arbeitet als Publizistin und war lange Zeit journalistisch tätig. 2019 entschied sie sich, trans*aktivistisch unterwegs zu sein, und trat dem Verein TransInterQueer e.V. bei. Seit 2020 ist sie Mitglied des Vorstands. Einer ihrer Arbeitsschwerpunkte ist "Trans* und Alter".

Weiteres zur Bundestagswahl

Die AWO begleitet die 12 Wochen bis zur Wahl unter dem Motto „Deutschland, Du kannst das!“ mit sozial- und gesellschaftspolitischen Forderungen an die kommende Bundesregierung. Dieser Artikel wurde im Rahmen der Themenwoche „Gute Pflege für alle“ veröffentlicht. Mehr dazu unter: https://awo.org/bundestagswahl-2021

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