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„Engagement heißt, sich für andere einzusetzen und auch unbequeme Fragen stellen zu dürfen.“

Von: Bernhard Steinke

 

Interview mit Rami Dahbour, ehemaliger Bundesfreiwilligendienstleistender und Projektmitarbeiter beim AWO Landesverband Sachsen-Anhalt.

Wann und wie bist Du nach Deutschland gekommen?

Im September 2015 bin ich aus Syrien über die Balkanroute nach Deutschland gelangt. Die Route führt von Syrien über die Türkei, das Mittelmeer und die Insel Lesbos, die Balkanstaaten und Österreich. Der Weg war sehr beschwerlich. Der erste Versuch, auf diesem Weg nach Europa über die Insel Lesbos zu kommen, endete bereits im Mittelmeer mit dem Zerbrechen unseres Schlauchboots, weil es total überbelegt war. Nach der Rettung durch die türkische Küstenwache habe ich es ein zweites Mal versucht, weil ich mir von Europa bzw. Deutschland ein Leben in Frieden und ohne Angst erhoffte. Dieses Mal hatte ich Erfolg. Mein Vater war 1978 als Boxer in Ostdeutschland anlässlich eines Turniers gewesen und hat mir geraten, dorthin zu  gehen. Heute lebe ich in Magdeburg und bin froh, damals seinem Rat gefolgt zu sein.

Wie sieht Dein Engagement bei der AWO aus?

Das erste Jahr hier in Magdeburg war sehr schwierig für mich. Ich hatte keinerlei Kontakte zu den Menschen vor Ort und konnte mich wenig in die Gesellschaft integrieren. Bis mir ein Freund den Tipp gab, dass das Landesjugendwerk der AWO in Sachsen-Anhalt einen BFDler sucht für den AWO-Nachbarschaftstreff Magdeburg. Ich habe das Landesjugendwerk aufgesucht, mich informiert und anschließend auf den Platz beworben. Im November 2016 habe ich dort meinen Bundesfreiwilligendienst begonnen. Rückblickend war dies die beste Entscheidung, die ich auf meinem Weg zur Integration in Deutschland treffen konnte. Die Besucher*innen des Nachbarschaftstreffs sind Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Den Teilnehmenden werden sowohl Deutsch- als auch Arabischkursen angeboten. Daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer sozialkommunikativer Angebote. In zahlreichen Vorträgen konnte ich meine persönliche Fluchtgeschichte vielen Menschen präsentiert. Neben meinem BFD habe ich mich beim Landesjugendwerk der AWO engagiert und wurde dort im Mai 2017 in den Vorstand gewählt. Dort bin ich immer noch aktiv und gestalte so die Jugendpolitik in Sachsen-Anhalt mit.

Die Idee des Engagements begleitet Dich auch bei Deinem neuen AWO-Projekt. Warum ist das Thema so wichtig für Dich?

Als jemand, der neu in Deutschland war, in einem bis dahin für ihn weitestgehend unbekanntem Land, eröffneten sich mir durch das Engagement im BFD viele neue Türen. Ich habe meine Deutschkenntnisse deutlich verbessern können, bin vielen tollen Menschen begegnet und konnte neue Freundschaften schließen. Auch habe ich spannende Einblicke in Gesellschaft und Kultur erhalten und das politische System in Deutschland kennen und schätzen gelernt. Ich konnte meine Fähigkeiten und Ideen erfolgreich einbringen und habe neue Kenntnisse, z.B. im Bereich der sozialen Arbeit, erwerben können. Letztendlich bin ich durch meinen Bundesfreiwilligendienst auch zu meiner jetzigen Stelle als Projektmitarbeiter des AWO Landesverbands Sachsen-Anhalt gekommen. Seit Dezember 2020 arbeite ich zusammen mit meiner Kollegin Sophie Rohde in dem neuen inklusiven Projekt mit dem Namen „MiKo- Miteinander Kommunizieren“. Es wird durch Aktion Mensch gefördert und richtet sich an Menschen mit Behinderung und Migrationshintergrund. Wir sind in verschiedenen Gremien und Arbeitskreisen zu den Themen Migration und Behinderung aktiv und bauen ein regionales Netzwerk auf. Des Weiteren wollen wir ein ehrenamtliches, inklusives und interkulturelles Team gewinnen und qualifizieren, das Klient*innen in verschiedenen Lebenslagen unterstützt. Zum Beispiel durch Begleitung bei Arzt- oder Behördenterminen. Durch verschiedene Angebote wie einem Begegnungscafé oder interkulturelle Essen schaffen wir einen Austausch zwischen allen Interessierten und geben Ihnen die Möglichkeit, sich im Stadtteil zu vernetzen. Denn häufig fehlt vielen Zuwander*innen der regelmäßige Kontakt und Austausch zu Einheimischen in der neu erlernten Sprache. Oder sie bekommen keinen Zugang zu einem Sprachkurs aufgrund einer Beeinträchtigung. Außerdem versuchen wir zwischen bereits bestehenden Institutionen und Beratungsstellen zu vermitteln und den*die bestmöglichen Ansprechpartner*innen für das Anliegen zu finden. Diese Multipliktator*innen schulen wir im Bereich interkulturelle Kompetenz, um so die Kommunikation und das Verständnis zwischen den verschiedenen Kulturen zu verbessern. Insofern können wir dazu beitragen, dass es weniger Missverständnisse gibt und die Lebenswelten und Bedürfnisse aller Menschen wahrgenommen werden, unabhängig davon, ob sie zugewandert oder hier geboren sind oder ob sie eine Behinderung haben oder nicht haben.

Warum gehören Engagement und Demokratie zusammen?

Durch mein Engagement kann ich eigene Ideen einbringen, mit anderen an gemeinsamen Zielen arbeiten und Position beziehen ohne Sanktionen befürchten zu müssen. In vielen Ländern der Welt hingegen kann bereits das Äußern der eigenen Meinung bzw. Kritik an den bestehenden Verhältnissen sehr gefährlich sein. Engagement heißt, sich für andere einzusetzen, eine Stimme zu erheben für diejenigen, die „stumm“ sind, und auch unbequeme Fragen stellen zu dürfen. Alles das gehört für mich auch zur Demokratie. Daher sind in diesem Sinne Engagement und Demokratie nicht voneinander zu trennen. Das eine kommt nicht ohne das andere aus. Eine demokratische Gesellschaft lebt vom Engagement der Bürger*innen und der kritischen Auseinandersetzung mit ihren Problemen. Nur so können sich die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Positiven weiterentwickeln.

Welche Erwartungen hast Du an die Politik bzw. die nächste Bundesregierung?

Als Person mit Fluchtgeschichte wünsche ich mir, dass unsere Stimme mehr gehört findet. Es sollten bessere Voraussetzungen geschaffen werden, um den Menschen das Ankommen in Deutschland zu erleichtern. Dazu gehören beispielsweise mehr Bildungsmöglichkeiten, die schnellere Anerkennung von ausländischen Abschlüssen, ein besserer Zugang zur Gesundheitsversorgung und die Möglichkeit, wählen zu dürfen. Ich wünsche mir von der zukünftigen Bundesregierung, dass die Beteiligten in den politischen Gremien, insbesondere wenn es um Menschen mit Migrationshintergrund und Fluchtgeschichte geht, selber diese Erlebnisse und Erfahrungen aufweisen können; damit Hintergründe und Bedürfnisse der Zugewanderten besser verstanden und berücksichtigt werden.

Vielen Dank für das Gespräch

Die AWO begleitet die 12 Wochen bis zur Wahl unter dem Motto „Deutschland, Du kannst das!“ mit sozial- und gesellschaftspolitischen Forderungen an die kommende Bundesregierung. Dieser Beitrag gehört zur Themenwoche „Miteinander Füreinander“. Mehr dazu unter: awo.org/bundestagswahl-2021.

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