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15.09.2021

Digitale Teilhabe und Engagement - Interview mit Thomas Obermüller - Quartierszentrum Böckingen

Von: Matthias Schug

 

Warum ihn digitale Teilhabe bewegt und wie er damit Engagement im Quartier stärken will.

Gemeinsames Arbeiten an Dokumenten, schnelle Absprachen per Video-Konferenz oder Pläne schmieden am digitalen White-Board - auch das Ehrenamt ist längst digital. Die Corona-Pandemie hat die digitale Transformation im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements deutlich beschleunigt. Neben vielen Vorteilen birgt diese Veränderung aber auch Hürden in sich. Der Zugang zu digitalen Werkzeugen oder Plattformen ist für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit. Einem Fünftel der Menschen in Deutschland fehlt es an Kompetenzen, barrierefreien Zugängen oder geeigneten Geräten, schlicht an digitaler Teilhabe.

Mit ihren Positionen zur Bundestagswahl 2021 fordert die AWO von der zukünftigen Bundesregierung eine Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements und eine sozial gerechte Digitalisierung. Wie eng diese Themen miteinander verknüpft sind, zeigt ein Gespräch mit dem Quartiersmanager Thomas Obermüller. Er beteiligt sich am Projekt des AWO Bundesverbandes "DigiTeilhabe – Inklusives Engagement und digitale Nachbarschaft", um digitale Teilhabe für Menschen mit Behinderung und Menschen mit Armutserfahrung zu erleichtern. Dieses Projekt wird von der Aktion Mensch Stiftung gefördert.

Thomas, magst du dich und deine Arbeit kurz vorstellen?

Mein Name ist Thomas Obermüller, 35 Jahre, ich bin Quartiersmanager im Quartier Heilbronn-Böckingen des AWO Kreisverband Heilbronn e.V.  Unser Quartierszentrum ist ein Begegnungszentrum für alle Altersgruppen - wir fördern nachbarschaftliches Miteinander und bündeln Informationen zu Angeboten im Quartier. Wir beteiligen uns an der Entwicklung sozialer Angebote und gestalten auch eigenes Programm, zum Beispiel in meinem Schwerpunkt der Kinder und Jugendarbeit.

Was bedeutet „Digitalen Teilhabe“ für dich?

Digitale Teilhabe bedeutet für mich nicht ausgegrenzt zu sein in einer Gesellschaft, in der die Digitalisierung immer bedeutender wird. Dabei sind mehrere Faktoren entscheidend. Es braucht Internetanschlüsse, die überall verfügbar sind sowie bezahlbare Tarife und Geräte. Genauso wichtig sind Kompetenzen im Umgang mit Medien und Apps. Sind Angebote im Internet barrierefrei gestaltet nützt das nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern macht die digitale Welt auch für ältere Menschen zu einem gastlicheren Ort. Teilhabe heißt für mich aber nicht nur an der digitalen Welt teilzunehmen, sondern diese auch mitgestalten zu können.

Warum ist es dir wichtig, dass alle Menschen die Digitalisierung mitgestalten können?

Unser Alltag wird immer digitaler. Wenn die Terminbuchung für einen Amtsbesuch oder die Zahnarztbehandlung online geschehen soll, ist es wichtig alle Menschen mitzudenken, mitzunehmen und Sie bei der Gestaltung einzubinden. So werden verschiedene Bedarfe berücksichtig und umso leichter fühlen sich Menschen von digitalen Lösungen angesprochen.

Teilhabe heißt für mich aber nicht nur an der digitalen Welt teilzunehmen, sondern diese auch mitgestalten zu können.

Wieso bewegt dich das Thema der digitalen Teilhabe?

Unser Quartierzentrum öffnete kurz vor Beginn der Corona-Pandemie. Durch den Lockdown waren wir direkt gefordert innovative Wege zu finden um mit Bürgerinnen und Bürgern in Kontakt und Austausch zu treten. Hierbei ist aufgefallen, dass Teile der Bürgerschaft nicht erreicht werden können, weil sie nicht oder nur eingeschränkt an der digitalen Gesellschaft teilhaben.

Plastisch wurde es ebenfalls mit dem Projekt "Atempause". Wir entlasteten Familien, die im Lockdown an ihre Grenzen kamen. Wo zuhause Endgeräte oder WLAN fehlten und der Umgang mit dem Internet ungewohnt war, ermöglichten wir Kindern die Teilnahme am Onlineunterricht im Quartierszentrum. Ganz nebenbei lernten die Kinder in kleinen Gruppen unter Einhaltung der Coronaregeln dann auch noch einen guten Umgang miteinander.

 

Wie willst du digitale Teilhabe ganz konkret in deinem Quartier verbessern?

Mitgestaltung kann zum Beispiel bedeuten, eigene Inhalte zu produzieren. Gemeinsam mit Kooperationspartnern planen wir gerade ein Video-Projekt, in dem Jugendliche Erklärvideos zu grundlegenden digitalen Fähigkeiten drehen. Wie gehe ich mit Passwörtern um, was sind eigentlich Cookies usw. Diese Jugendlichen sollen quasi zu Influencer*innen für digitale Teilhabe in Böckingen werden.

Außerdem führen wir zusammen mit der Fachstelle für Internet- und Medienkonsum der Kreisdiakonie Heilbronn ein Gaming-Projekt durch. Viele junge Menschen benutzen Smartphone, Tablett und PC zum Spielen und wir holen diese jungen Menschen dort ab. Den reinen Konsum von Games wollen wir in Selbstwirksamkeitserfahrungen verwandeln; spielerisch erlernte Kompetenzen, können in anderen Kontexten angewendet werden. Zum Beispiel machen wir App-gestützte Schnitzeljagten und lernen das Quartier besser kennen. Mit Kindern der sonderpädagogischen Neckartalschule erstellten wir kürzlich Avatare und reflektierten dabei unsere Fähigkeiten.

Wir haben eine digitale Quartierskonferenz durchgeführt. [...] Wir haben außerdem eine Austauschplattform fürs Quartier ins Netz gestellt. [...] Man kann sich einbringen, ohne den Vereinsabend zu besuchen. Das Digitale erleichtert also vieles.

Verändert die Digitalisierung das ehrenamtliche Engagement in eurem Viertel?

Mir fallen zwei praktische Beispiele ein. Wir haben eine digitale Quartierskonferenz durchgeführt. Bürger*innen aus dem Viertel konnten sehr niederschwellig Ihre Ideen einbringen und sich mit Akteuren austauschen. Für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen waren Anfahrtswege plötzlich kein Problem mehr. Wir haben außerdem eine Austauschplattform fürs Quartier ins Netz gestellt. Hier kann man sich über Termine informieren, über verschiedene Themen diskutieren, Dateien austauschen und vieles mehr. Eine Gruppe Engagierter hat dort ein Wiki zum Abenteuerspielplatz geplant: Dort kann ich bald nachlesen, wie man den Pizza-Ofen benutzt und wo man Material für den Kletterturm leihen kann. Man kann sich einbringen, ohne den Vereinsabend zu besuchen. Das Digitale erleichtert also vieles. Es ersetzt aber eben nicht den persönlichen Kontakt, der für bürgerschaftliches Engagement aus vielen Gründen wichtig ist.

Kontakt

Thomas Obermüller

Quartiersmanager

Quartierszentrum Bürgerhaus Böckingen
E-Mail: thomas.obermueller@awo-heilbronn.org

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